„Ziel ist eine Welt, in der sich die Menschen beim Radfahren wohlfühlen“
Wie kann Radfahren für alle sicherer werden? Dieser Frage ging eine Fachtagung nach, die der ADFC-Kreisverband Rhein-Neckar mit Unterstützung der IHK Rhein-Neckar, der Stadt Schwetzingen und des ADFC Mannheim am 26. März 2026 durchführte.

Die Veranstaltung richtete sich insbesondere an Kommunalpolitiker, Fachplaner, Vertreter von Schulen, Hochschulen, Unternehmen sowie Berufsgenossenschaften, Kranken- und Unfallkassen. Moderiert wurde die Veranstaltung von Alexander Albrecht von der Rhein-Neckar-Zeitung.
„Im Moment ist das Gefühl vor allem Unsicherheit“
Da ist zu einem die subjektive Seite des Radfahrens: „Im Moment ist das Gefühl vor allem Unsicherheit“, so Catharina Scheydt vom ADFC in ihrer Begrüßung, „unser Ziel aber ist eine Welt, in der sich die Menschen beim Radfahren wohlfühlen“. Nur dann werde es gelingen, mehr Menschen zum Umsteigen aufs Rad zu bewegen. Voraussetzung dafür sei natürlich, dass Radfahren auch objektiv sicherer werde als bisher. „Das schaffen wir, indem wir die Infrastruktur für alle, insbesondere auch für Kinder und ältere Menschen, sicherer machen – sicher, einfach und bequem. Dafür wollen wir heute nach pragmatischen Lösungen suchen“, betonte Scheydt.
Die Bedeutung der Verkehrssicherheit und der Vermeidung von Unfällen für die Unternehmen unterstrich Mario Klein von der IHK Rhein-Neckar. Rund jeder dritte Unfall auf dem Arbeitsweg ist ein Fahrradunfall. Eine große Chance, aber auch eine große Herausforderung sei in diesem Zusammenhang das Pedelec, das zunehmend im Unfallgeschehen eine Rolle spielt. „Wenn es uns gelingt, das Thema Radfahren voranzubringen und sicherer zu machen, gewinnen wir alle“, so Klein.
Jede/r sechste Verkehrstote ein/e Radfahrende/r
Sicherheit aus Sicht der Radfahrenden war das Thema von Franziska Jurczok vom Sinus-Institut. Zwar ist die Zahl der Verkehrstoten seit Jahrzehnten rückläufig, bei den Radverkehrstoten ist jedoch seit 2010 eine Stagnation bis Erhöhung zu verzeichnen − „ein problematischer Trend im Vergleich zum Gesamtverkehr: 2024 war jede sechste getötete Person ein/e Radfahrende/r“, so Jurczok.
Besonders Frauen und Ältere fühlen sich unsicher
Der Fahrrad-Monitor, eine Befragung, die Sinus im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums seit 2009 alle zwei Jahre durchführt, zeige, „dass ein angespanntes Klima zwischen Radfahrenden und anderen Verkehrsteilnehmenden herrscht“, 73 Prozent der Befragten stimmen dieser Aussage zu. Das Gefühl der Unsicherheit beim Radfahren steigt mit dem Alter. Während sich von den unter Zwanzigjährigen rund drei Viertel sicher fühlen, sind es in der Altersgruppe ab 50 nur mehr gut die Hälfte. Markant ist auch der Geschlechterunterschied: Während sich Männer im Durchschnitt zu 68 Prozent im Straßenverkehr sicher fühlen, sind es bei den Frauen nur 51 Prozent.
„Fehlende Separierung erzeugt Unsicherheit“
Im Detail untersucht Sinus, welchen Einfluss die unterschiedlichen Infrastrukturlösungen auf das Sicherheitsempfinden haben. An der Spitze der Unsicherheitsskala liegt der Mischverkehr bei Tempo 50, nur 13 Prozent fühlen sich hier sicher. Bei Tempo 30 sind es 21 Prozent, auf dem gemeinsamen Geh- und Radweg 43 Prozent und auf dem Schutzstreifen 49 Prozent – allesamt Lösungen, bei denen sich über die Hälfte der Radfahrenden unwohl fühlt und die Jurczok deshalb die Radwege-„ Don‘ts“ nennt. Nummer eins in der Beliebtheitsskala ist – trotz aller der Fachwelt bekannten Risiken dieser Infrastrukturlösung – der getrennte Radweg auf Gehwegniveau, 94 Prozent fühlen sich hier sicher oder eher sicher. Es folgen die Protected Bike Lane (93%), die Fahrradstraße (83%), die Pop-Up-Bike-Lane (77%) und der Radfahrstreifen (71%).
Mehrheit wünscht sich mehr Geld für Radwege
„Die Politik sollte mehr Geld als bisher für Fahrradwege ausgeben”, dieser Aussage stimmen 65 Prozent der Befragten zu, unter den Radfahrenden sind es 83 Prozent, aber auch bei den Autofahrenden ist eine Mehrheit von 57 Prozent dafür. „Die Politik wird bislang nur als mäßig fahrradfreundlich wahrgenommen, und eine klare Mehrheit der Menschen in Deutschland wünscht sich mehr Engagement“, so Jurczok. „Gleichzeitig können auch Arbeitgeber einen wichtigen Beitrag leisten: Sie können sich vor Ort für bessere Infrastruktur einsetzen und bei ihren Mitarbeitenden mit fahrradfreundlichen Angeboten punkten.“
„Unser Job ist erst gemacht, wenn wer will auch wirklich kann!“
Jens Leven vom Wuppertaler Büro bueffee unterstrich im Workshop 1 „Sichere Radverkehrsinfrastruktur“ die Notwendigkeit einer Infrastruktur für alle Zielgruppen:
- „Wenn Kinder auf dem Laufrad sicher und unbeschwert zur Kita kommen.
- Wenn Sechsjährige ihren Schulweg alleine und sorgenfrei meistern. Wenn auch Zehnjährige selbstständig zur weiterführenden Schule gelangen.
- Wenn Mitarbeitende das ganze Jahr über zuverlässig und entspannt zur Arbeit kommen.
- Wenn jeder Mensch seine täglichen Besorgungen unkompliziert erledigen kann.
- Wenn Freizeitziele für alle erreichbar sind – ohne Stress, ohne Hürden.
- Wenn auch der Nachbarort einfach und sicher angebunden ist.
- Und wenn selbst Oma und Opa noch gerne eine Runde mit dem Rad drehen.
- Kurz: Wenn (Rad)Mobilität für alle funktioniert.“
Leven legte detaillierte Zahlen zum Unfallgeschehen vor. Besonders deutlich wird die Gefährdung der Radfahrenden, die von keinem Metallkäfig umgeben und von keinem Airbag geschützt sind, an der Zahl der Toten und Verletzten bezogen auf die Verkehrsleistung: Je eine Million Kilometer tägliche Verkehrsleistung verunfallen jährlich 0,8 Autofahrende tödlich, aber vier Radfahrende. Bei den Schwer- und Leichtverletzten ist die Rate sieben- bis achtfach höher gegenüber dem Auto (136 zu 17 bzw. 640 zu 86).
Beispiel subjektive Sicherheit
Ausführlich ging Leven auf das Thema subjektive Sicherheit in der in Erarbeitung befindlichen ERA 202x ein. Es sollen Situationen vermieden werden, in denen sich die Nutzenden gefährdet oder überfordert fühlen. Alle Alters- und Nutzungsgruppen sollen sich sicher fühlen. Günstig für die subjektive Sicherheit ist danach:
- eine bauliche Trennung vom Kraftfahrzeugverkehr,
- eine klare Abgrenzung vom Fußverkehr,
- ausreichende Sicherheitsabstände zu parkenden Kfz.
- Die Breitenverhältnisse sollen es Radfahrenden ermöglichen, beim Überholen, Nebeneinanderfahren und Begegnen einen größeren Abstand als unbedingt erforderlich einzuhalten.
Für die Radverkehrsführung im Mischverkehr mit Kraftfahrzeugen auf der Fahrbahn sind für die subjektive Sicherheit förderlich:
- geringe Kfz.-Stärke,
- geringer Schwerverkehr,
- geringe Kfz.-Geschwindigkeiten,
- hohe Radverkehrsstärke,
- ausreichende Sicherheitsabstände zu parkenden Kfz.,
- kein unangemessenes Überholverhalten oder Drängeln,
- Hervorhebung der Radverkehrsführung durch Markierung (z. B. Sinnbild Radverkehr)
Details dazu und welche baulichen Lösungen empfehlenswert sind, sind der Präsentation zu entnehmen.
Das Geheimnis der Frankfurter Erfolge
Joachim Hochstein, Leiter des Radfahrbüros der Stadt Frankfurt am Main, zeigte auf, wie es Frankfurt gelang, im Laufe weniger Jahre vom vierten (2018) über den dritten (2020) und zweiten (2022) Platz im Fahrradklimatest an die Spitze der Großstädte über 500.000 Einwohner (2024) zu kommen. Das Kommunalparlament übernahm 2018 die Forderungen des Radentscheids als bindende Vorgaben. Die Verwaltung wurde so umstrukturiert, dass eine effiziente Umsetzung von Maßnahmen möglich war. Mobilitätsdezernat, Straßenverkehrsamt (Verkehrsbehörde) und Amt für Straßenbau arbeiten Hand in Hand. Hochstein bezeichnete es als wesentlichen Erfolgsfaktor, dass Planung und Anordnung in einer Behörde liegen. Zudem ist die Verwaltung kontinuierlich in Kontakt mit dem Radentscheid und dem ADFC.
Kostengünstige Maßnahmen, die rasch Wirkung zeigen
Der Fokus lag und liegt auf Maßnahmen, die zeitnah umzusetzen sind, wie provisorische bestandsnahe Markierungslösungen, fahrradfreundliche Nebenstraßen für mehr Sicherheit im Straßenverkehr, Verbesserungen an Knotenpunkten sowie deutlich mehr Fahrradparkplätze (plus 2000 pro Jahr). Im Blick ist dabei auch, dass möglichst durchgehende innerstädtische Verbindungen entstehen. An Hauptverkehrsstraßen wird durch die Umwidmung einer Fahrspur ohne große Kosten ein breiter Radfahrstreifen gewonnen, teilweise durch einfache bauliche Maßnahmen vom übrigen Verkehr abgetrennt (Protected Bike Lane). Sperrungen und Schleusen in Nebenstraßen verhindern Schleichverkehr, lassen aber den ÖPNV passieren, wo erforderlich. Der Radverkehrsanteil stieg in Frankfurt von acht Prozent in 2003 auf aktuell rund zwanzig Prozent.
„Alle kommen an. Niemand kommt um.“
Das ist die „Vision zero“, für die der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) steht. Ergänzt wird das durch eine „Vision Harmony“, ein friedvolles Miteinander im Straßenverkehr, wie Annette Nawrath vom DVR erläuterte. Dazu gehört es, immer mal wieder die Perspektive zu wechseln, die Regeln zu kennen und einzuhalten, gelassen zu bleiben, vorausschauend zu fahren, Zeitpuffer einzuplanen, eine fehlerverzeihende Infrastruktur, wie in Workshop 1 behandelt, sowie – auch das wird empfohlen – härtere Sanktionen.
Im Weiteren ging es anhand zahlreicher Beispiele um die Frage, wie Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Respekt und Rücksichtnahme im Straßenverkehr aussehen kann. Dr. Stephanie Küpper vom Fachbereich Mobilität und Verkehr der Stadt Aachen zeigte eine Reihe von Beispielen von Aktionen und Projekten, mit denen in Aachen für mehr Rücksichtnahme geworben wird (siehe Präsentationen „Rücksicht im Straßenverkehr“).
Juliana Klengel vom ADFC Leipzig widmete sich im Workshop 3 „Radfahrkurse für Erwachsene“ einer eher kleinen, aber nicht unwichtigen Zielgruppe. Neben denen, die nicht Rad fahren können, aber es gern können würden, gibt es die Wiedereinsteiger sowie die Umsteiger vom Rad aufs Pedelec. Rund elf Prozent der Gesamtbevölkerung sagen, dass sie nicht Rad fahren können. Ohne Migrationshintergrund sind es fünf Prozent der Frauen und ein Prozent der Männer, mit Migrationshintergrund zwölf Prozent der Frauen und fünf Prozent der Männer.
Es gibt Radfahrschulen mit der Zielgruppe geflüchtete Frauen, z. B. bikebridge aus Freiburg, Lila Lenker in Leipzig und bikeygees in Berlin, selbstständige Radfahrcoaches für Anfänger*innen und Wiedereinsteiger*innen, zu denen auch Juliana Klengel gehört, Sicherheitstrainings vom Bund Deutscher Radfahrer („Fit for pedelec“), der Deutschen Verkehrswacht („Fit mit dem Rad“) sowie die ADFC-„Radspaß“-Kurse.
Fazit
Der Radverkehr nimmt zu, die Fahrräder werden tendenziell breiter und schneller. Das Radverkehrsnetz, sofern es überhaupt diesen Namen verdient, ist dem schon heute fast überall nicht gewachsen. Damit die Verkehrswende gelingt, müssen noch mehr Menschen aufs Rad umsteigen. Um ihnen sichere und attraktive Wege zu bieten, bedarf es zahlreicher Maßnahmen: neben einer konsequenten Umverteilung des Verkehrsraumes zugunsten des Radverkehrs sind durchgehende Verbindungen, sichere Knotenpunkte, geeignete Abstellanlagen und insgesamt eine fehlerverzeihende Infrastruktur erforderlich. Dabei spielt auch die subjektive Sicherheit eine wesentliche Rolle: Nur wer sich auf seinen täglichen Wegen sicher fühlt, steigt gern aufs Rad. Weiche Maßnahmen, wie Verkehrspädagogik und Öffentlichkeitsarbeit tragen zu einem besseren Miteinander bei. So bleiben die „Vision zero“ und die „Vision Harmony“ keine Utopie. Damit uns das gelingt, appellierte Michael Fröhlich, Geschäftsführer des ADFC Rhein-Neckar und Initiator der Tagung, abschließend an alle, die behandelten Themen aufzugreifen, Netzwerke zu bilden und gemeinsam so viel wie möglich in die Praxis umzusetzen. (rie)





